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Von jeher waren Chinesen in der Familie fest verwurzelt,
als einem in sich funktionierenden System.
Traditionell galten eigene Kinder als Altersvorsorge.
Wer viele Kinder hatte, konnte sich als reich betrachten,
kinderreich. Während Söhne in der Familie arbeiteten,
mit ihren Frauen die eigenen Kinder und
die Eltern versorgten, wurden Töchter verheiratet in
die Familie des Mannes, um dort mitzuarbeiten und
Kinder und Eltern zu versorgen.
1-Kind-Politik führt zu Wertewandel Inzwischen
ist die chinesische Bevölkerung angewachsen auf
über 1,3 Milliarden Menschen. 2007 lag die Zahl der
Menschen im Alter von über 60 Jahren bei 11,6 Prozent
der Gesamtbevölkerung. Sie steigt ständig. Nach
internationalen
Standards ist damit Überalterung
eingetreten.
Berechnungen weisen einen Anteil der
über 65-Jährigen in der Bevölkerung Chinas im
Jahr 2050 von 40 Prozent aus. Frauen erreichten
2009 eine durchschnittliche Lebenserwartung von
75,1 Jahren, Männer von 71,6 Jahren. Das Renteneintrittsalter
ist in China für Frauen auf 55 Jahre und
auf 60 Jahre für Männer festgelegt.
Zum Vergleich: Die deutsche Gesamtbevölkerung
2009 lag bei ca. 80 Millionen Menschen mit einem
Anteil der über 65-Jährigen von 20,7 Prozent.
Ihre Lebenserwartung lag 2009 für die Frauen bei
82,5 Jahren und für die Männer bei 77,3 Jahren.
Um die rasante Vermehrung der Bevölkerung einzudämmen,
wurde 1979 die 1-Kind-Politik eingeführt
und mit vielerlei Bedingungen, Ausnahmen
und Strafen durchgesetzt. Jedes Paar durfte auf Antrag
ein Kind bekommen. Dabei erblickten viele
Mädchen gar nicht mehr das Licht der Welt. Nun
werden 2013 die ersten Eltern der 1-Kind-Politik
65 Jahre alt sein.
Die Eindämmung des schnellen Wachstums war
damit eingeleitet. Jedoch muss diese Entwicklung als
Beginn eines nur allmählich sichtbar werdenden
Wertewandels gesehen werden, dessen Auswirkungen
bis heute nicht wirklich bewältigt sind. «Sozialer
Wandel ist ein Prozess gesamtgesellschaftlicher Veränderungen,
der sich beispielsweise in Urbanisierung,
Individualisierung des Lebens in der Auflösung
traditioneller Sozialstrukturen oder in verstärkter
geografischer Mobilität äussert. Mit solchen Veränderungen
geht meistens auch ein Wertewandel einher.
» (Ostwald, Nicole, Köln 1996, unveröffentlichte
Diplomarbeit, S. 18).
Die wirtschaftliche Lage in vielen Familien hat
sich mit der 1-Kind-Politik verbessert. In der Umkehrung
ist die Belastung für den einzigen Nachkommen
mit der Versorgung älterer Angehöriger,
zwei Eltern und vier Grosseltern, oft ins nicht
Machbare
angewachsen. Im Zweigenerationenvertrag
(Art. 49, Art. 15) sind arbeitsfähige Familienmitglieder
zu Unterhalt und Versorgung jüngerer und
älterer Generationen verpflichtet. Die konfuzianische
Einstellung ist weiter die Grundlage des Familienlebens
und in dieser Hinsicht
für die staatliche
Führung hilfreich und stützend. Die rechtliche Verankerung
und Einklagbarkeit wechselseitiger Hilfeverpflichtungen
in der Familie soll den Zerfall dieser
wichtigen Institution sozialer Sicherheit aufhalten.
Als flankierende Massnahme ist es ausdrücklich verboten,
alte Menschen zu misshandeln. (Verfassung
von 1982, Art. 49; vgl. Ostwald S. 18).
Reformprozess zum Aufbau eines sozialen Sicherungssystems
Die bis dahin geltende Notwendigkeit
der persönlichen Altersvorsorge durch eigene
Kinder ist instabil geworden. Dadurch kam ein stetiger
Reformprozess in Gang zum Aufbau eines sozialen
Sicherungssystems, sowohl im Rentenbereich,
im Krankenbereich, bei der Sozialhilfe als auch bei
der Einrichtung von Altersheimen.
Das aktuelle Rentensystem ist seit 1997 dreigliedrig
aufgebaut. Neben der Basisrente gibt es zweitens
ein individuelles Rentenkonto für jeden Arbeitnehmer.
Drittens besteht die Möglichkeit einer Zusatzrente
des Unternehmens oder eines privaten Versicherers.
Ständige neue Reformen und zusätzliche
Gesetze zur Vervollständigung und Verbesserung der
sozialen Sicherung werden vorgenommen und überlegt,
müssen jedoch aufgrund der Komplexität der
Gesamtsitaution mit Bedacht angegangen werden.
«Die chinesischen Reformen allgemein sind ein Prozess
des Abwägens und Ausprobierens, der Ermutigung
und des Zurückpfeifens» (Hoffmann, S. 74).
Im Bereich der Krankenversorgung wird erst bezahlt
und dann behandelt. Dies kann für Mittellose
verheerend, wenn nicht gar tödlich sein. Ein Kranker
in der Familie kann zum Ruin führen. Wer im Krankenhaus
behandelt wird, muss dort von seinen Angehörigen
gepflegt und mit Essen versorgt werden.
Die staatliche Krankenversicherung befindet sich
im Aufbau. Nachdem die ländliche Bevölkerung
lange
schlecht versorgt war, wurde 2010 das Sozialversicherungsgesetz
verabschiedet. Dies muss langsam
umgesetzt werden – als ein erster kleiner Anfang.
Auf einer Chipkarte hat dann jeder ein kleines
Budget zur Verfügung, um sich behandeln zu lassen.
Das Budget ist schnell aufgebraucht. Wer sich die
Behandlung nicht leisten kann, geht in die dörflichen
Krankenstationen oder zu den «Barfussärzten».
Oft genug können Menschen sich aber eine Behandlung
überhaupt nicht leisten.
Am besten gestellt sind diejenigen, die bei staatlichen
Institutionen gearbeitet haben. Viele Arbeitnehmer
bekommen wenig oder gar keine Rente,
wenn ihre Arbeitgeber nicht für sie vorgesorgt oder
sie selber eine private Versicherung abgeschlossen
haben.
Ebenso verhält es sich mit der Krankenversicherung.
Immer auch wurde von der Arbeitgeberseite
befürchtet, Investoren aus dem Ausland könnten
ausbleiben, wenn die sozialen Lohnkosten steigen.
Bauern und Selbstständige erhalten bisher
überhaupt keine Rentenzahlungen; zumeist fehlt
die Absicherung für den Krankheitsfall. Die ländliche
Bevölkerung machte 2008 etwa 55 Prozent der
Gesamtbevölkerung
aus. Während Ältere in Bauernfamilien der Küstenregionen
gut leben können, müssen sich deren
Kinder
in westlichen Regionen als Wanderarbeiter
durchschlagen,
weit weg von den Eltern. Diese
Bauern
bleiben im Alter auf sich allein gestellt.
Allseitige Bestrebungen von Versicherern und Privatinvestoren
am Umbau und Aufbau der Versorgung
zu profitieren, sind sichtbar.
Sich sozial nützlich machen statt ins Altersheim
Bereits Mitte der Neunzigerjahre war es gesellschaftlich
akzeptabel geworden, Eltern in ein Altersheim
zu schicken, oft verbunden mit Schuldgefühlen der
Kinder. 1985 gab es 600 städtische Altersheime, in
denen nur ein Bruchteil der alten Menschen untergebracht
war. Statistiken zufolge reichte die Versorgung
in Altersheimen im Jahr 2008 nur für 1,64 Prozent
der Senioren aus. Tausend Rentner teilten sich
16 Betten. Neben Muster-Altersheimen, in denen
Service eingekauft und bezahlt werden kann, existieren
staatliche Altersheime, in denen wenige kinderlose
alte Menschen untergebracht werden können. Chinesen mit Kindern werden abgewiesen. Es
fehlt nicht nur an Altersheimen, sondern auch an
entsprechendem Pflegepersonal. Bis 2015 ist in der
Etablierung der Sozialarbeit geplant, die Anzahl der
Sozialarbeiter auf zwei Millionen zu steigern.
Viele alte Chinesen wollen gar nicht in ein Heim.
Warum sollte das in China anders sein als hierzulande.
Sie wollen lieber bei ihren Kindern sein. In
den Städten leben alte Menschen oft getrennt von
ihren Kindern, aber in ihrer Nähe. Gerne versorgen
sie Enkel und machen sich sozial nützlich. Andere
Rüstige wollen ihre Wege gehen, verreisen, sich ihren
Interessen widmen, wenn sie zu den Begüterten
zählen.Viele müssen weiter arbeiten, kehren zurück
in die alte Arbeitsstelle oder suchen einen Nebenerwerb.
Der alte, allein gebliebene Bauer, der in der
Stadt leere Dosen und Flaschen und Brauchbares im
Weggeworfenen sucht, ist häufig zu finden.
Gesundheit und medizinische Versorgung
Chinesen
halten sich für vergleichweise gesund. Am meisten
beklagen sie den Bereich des Sehens, der Gelenkund
Gliederschmerzen und danach die Rückenprobleme.
Alte Menschen in Deutschland sind
wesentlich sensibler in der Wahrnehmung ihrer
Krankheiten. Bei ihnen stehen Gelenk- und Gliederschmerzen
an erster Stelle, gefolgt von Sehproblemen
und Rücken- und Kreislaufproblemen in häufigerer
Nennung (vgl: Yan, Aiping S. 140). Auf dem
Land sind alte Chinesen gesünder. Dafür ist die medizinische
Versorgung in den Städten besser.
Wer schlecht sieht und kein Geld für eine Brille
hat, kann auch eine Lupe nehmen. Wer schlecht
laufen kann, bedient sich einer Krücke. Eine alte
Chinesin wird von ihrem Sohn mit dem Fahrrad
herumgeführt. Sie muss nicht allein zu Hause sitzen.
Ernährung ist mit der Traditionellen Chinesischen
Medizin eng verflochten. Bestimmt zubereitete
Nahrung wird wie Medizin zur Behandlung
eingesetzt und dient der Gesunderhaltung. Beweglichkeit
ist bei den Alten in China ein weiteres wichtiges
Thema zur Erreichung der inneren Harmonie.
Bereits morgens ganz früh finden sich in den Parks
der Städte alte Menschen zusammen, um gemeinsam
Tai-Chi, eine konzentriert langsame Gymnastik
und Bewegung, zu vollziehen. Auch Rückwärtsgehen
unterstützt die Beweglichkeit und das Denkvermögen.
Im Park spielen sie Mayong oder Karten, erzählen,
musizieren und tanzen. Bei erträglichem Wetter
sind Parkanlagen ganz ohne Organisation von höherer
Stelle Treffpunkt und Kontaktzentrale.
Anpassungs- und Problemelösefähigkeiten sind
zentral
«Die Zukunft der Senioren in der Gesellschaft
wird sehr von ihrer Anpassungsbereitschaft
abhängen, ob sie sich in die neu entstehenden Familienstrukturen
und sozialen Verhaltensmuster einfinden
können oder ob sie ein riesiger, aber doch nicht zu vernachlässigender Fremdkörper im modernen
China bleiben. Einsichten in die Problematik
hat nicht zwangsläufig Resignation zur Folge,
sondern kann vielmehr auch zu Initiative, Beweglichkeit
und Aufbruchsstimmung führen. Das Potenzial
für letztere Eigenschaften hat das chinesische
Volk in den vergangenen Jahren zumindest auf
wirtschaftlichem Gebiet bewiesen, und genau diese
Eigenschaften sind es, die ein überalterndes China
neben einer weisen Führung braucht.» (Hoffmann,
S. 76/77).
Man könnte es auch so sehen: Während die Chinesen
selbst im Kleinen ihre Probleme zu lösen
versuchen
– immer auf dem Hintergrund dessen,
was schon immer ihren Lebensgewohnheiten entsprach
–, bemüht sich die Regierung um Anpassung
und Veränderung mit dem Aufbau eines Regelwerkes
von oben. Wir dürfen gespannt sein, was entsteht,
wenn die Zukunft und die Vergangenheit in China
aufeinandertreffen. Denn wir selbst haben einige
Probleme in der Altenfrage.
Dieser Artikel ist erschienen in NOVAcura, dem Schweizer Fachmagazin für Pflege und Betreuung 1/2012. Verlag Hans Huber, Bern
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