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Altern in China – China altert

In China unterwegs fallen die vielen alten Menschen in der Öffentlichkeit auf. Bei Interesse, wie diese alten Menschen leben, tun sich unzählige Fragen auf, die keine einfachen Antworten erlauben. Nichts trifft auf ganz China zu. Es ist ein aussergewöhnlich grosses Land mit unterschiedlichen Provinzen, die ihrerseits eigene Regeln haben. Kaum ist eine Antwort gefunden, muss sie im anderen Falle differenziert und korrigiert werden. China ist absolut vieldeutig.

von Charlotte Wagner

Dem Alter kommt in China allerhöchste Wertschätzung zu. Einige erreichen ihr Ziel, sehr alt zu werden. Immer wieder ist von Hundertjährigen die Rede. Der konfuzianische Tugendkatalog hat überlebt. Er ist weiter grundlegend für chinesisches Handeln, nach dem Chinesen sich selbstlos und treu gegen sich und andere zu verhalten haben. In den «schönen Tugenden» findet sich Respekt vor dem Alter ebenso wie Elternliebe und kindliche Pietät.

  


Artikel China altert

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Von jeher waren Chinesen in der Familie fest verwurzelt, als einem in sich funktionierenden System. Traditionell galten eigene Kinder als Altersvorsorge. Wer viele Kinder hatte, konnte sich als reich betrachten, kinderreich. Während Söhne in der Familie arbeiteten, mit ihren Frauen die eigenen Kinder und die Eltern versorgten, wurden Töchter verheiratet in die Familie des Mannes, um dort mitzuarbeiten und Kinder und Eltern zu versorgen.

1-Kind-Politik führt zu Wertewandel
Inzwischen ist die chinesische Bevölkerung angewachsen auf über 1,3 Milliarden Menschen. 2007 lag die Zahl der Menschen im Alter von über 60 Jahren bei 11,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie steigt ständig. Nach internationalen Standards ist damit Überalterung eingetreten. Berechnungen weisen einen Anteil der über 65-Jährigen in der Bevölkerung Chinas im Jahr 2050 von 40 Prozent aus. Frauen erreichten 2009 eine durchschnittliche Lebenserwartung von 75,1 Jahren, Männer von 71,6 Jahren. Das Renteneintrittsalter ist in China für Frauen auf 55 Jahre und auf 60 Jahre für Männer festgelegt.
Zum Vergleich: Die deutsche Gesamtbevölkerung 2009 lag bei ca. 80 Millionen Menschen mit einem Anteil der über 65-Jährigen von 20,7 Prozent. Ihre Lebenserwartung lag 2009 für die Frauen bei 82,5 Jahren und für die Männer bei 77,3 Jahren. Um die rasante Vermehrung der Bevölkerung einzudämmen, wurde 1979 die 1-Kind-Politik eingeführt und mit vielerlei Bedingungen, Ausnahmen und Strafen durchgesetzt. Jedes Paar durfte auf Antrag ein Kind bekommen. Dabei erblickten viele Mädchen gar nicht mehr das Licht der Welt. Nun werden 2013 die ersten Eltern der 1-Kind-Politik 65 Jahre alt sein.
Die Eindämmung des schnellen Wachstums war damit eingeleitet. Jedoch muss diese Entwicklung als Beginn eines nur allmählich sichtbar werdenden Wertewandels gesehen werden, dessen Auswirkungen bis heute nicht wirklich bewältigt sind. «Sozialer Wandel ist ein Prozess gesamtgesellschaftlicher Veränderungen, der sich beispielsweise in Urbanisierung, Individualisierung des Lebens in der Auflösung traditioneller Sozialstrukturen oder in verstärkter geografischer Mobilität äussert. Mit solchen Veränderungen geht meistens auch ein Wertewandel einher. » (Ostwald, Nicole, Köln 1996, unveröffentlichte Diplomarbeit, S. 18).
Die wirtschaftliche Lage in vielen Familien hat sich mit der 1-Kind-Politik verbessert. In der Umkehrung ist die Belastung für den einzigen Nachkommen mit der Versorgung älterer Angehöriger, zwei Eltern und vier Grosseltern, oft ins nicht Machbare angewachsen. Im Zweigenerationenvertrag (Art. 49, Art. 15) sind arbeitsfähige Familienmitglieder zu Unterhalt und Versorgung jüngerer und älterer Generationen verpflichtet. Die konfuzianische Einstellung ist weiter die Grundlage des Familienlebens und in dieser Hinsicht für die staatliche Führung hilfreich und stützend. Die rechtliche Verankerung und Einklagbarkeit wechselseitiger Hilfeverpflichtungen in der Familie soll den Zerfall dieser wichtigen Institution sozialer Sicherheit aufhalten. Als flankierende Massnahme ist es ausdrücklich verboten, alte Menschen zu misshandeln. (Verfassung von 1982, Art. 49; vgl. Ostwald S. 18).

Reformprozess zum Aufbau eines sozialen Sicherungssystems
Die bis dahin geltende Notwendigkeit der persönlichen Altersvorsorge durch eigene Kinder ist instabil geworden. Dadurch kam ein stetiger Reformprozess in Gang zum Aufbau eines sozialen Sicherungssystems, sowohl im Rentenbereich, im Krankenbereich, bei der Sozialhilfe als auch bei der Einrichtung von Altersheimen.
Das aktuelle Rentensystem ist seit 1997 dreigliedrig aufgebaut. Neben der Basisrente gibt es zweitens ein individuelles Rentenkonto für jeden Arbeitnehmer. Drittens besteht die Möglichkeit einer Zusatzrente des Unternehmens oder eines privaten Versicherers. Ständige neue Reformen und zusätzliche Gesetze zur Vervollständigung und Verbesserung der sozialen Sicherung werden vorgenommen und überlegt, müssen jedoch aufgrund der Komplexität der Gesamtsitaution mit Bedacht angegangen werden. «Die chinesischen Reformen allgemein sind ein Prozess des Abwägens und Ausprobierens, der Ermutigung und des Zurückpfeifens» (Hoffmann, S. 74).
Im Bereich der Krankenversorgung wird erst bezahlt und dann behandelt. Dies kann für Mittellose verheerend, wenn nicht gar tödlich sein. Ein Kranker in der Familie kann zum Ruin führen. Wer im Krankenhaus behandelt wird, muss dort von seinen Angehörigen gepflegt und mit Essen versorgt werden.
Die staatliche Krankenversicherung befindet sich im Aufbau. Nachdem die ländliche Bevölkerung lange schlecht versorgt war, wurde 2010 das Sozialversicherungsgesetz verabschiedet. Dies muss langsam umgesetzt werden – als ein erster kleiner Anfang. Auf einer Chipkarte hat dann jeder ein kleines Budget zur Verfügung, um sich behandeln zu lassen. Das Budget ist schnell aufgebraucht. Wer sich die Behandlung nicht leisten kann, geht in die dörflichen Krankenstationen oder zu den «Barfussärzten». Oft genug können Menschen sich aber eine Behandlung überhaupt nicht leisten.
Am besten gestellt sind diejenigen, die bei staatlichen Institutionen gearbeitet haben. Viele Arbeitnehmer bekommen wenig oder gar keine Rente, wenn ihre Arbeitgeber nicht für sie vorgesorgt oder sie selber eine private Versicherung abgeschlossen haben. Ebenso verhält es sich mit der Krankenversicherung. Immer auch wurde von der Arbeitgeberseite befürchtet, Investoren aus dem Ausland könnten ausbleiben, wenn die sozialen Lohnkosten steigen. Bauern und Selbstständige erhalten bisher überhaupt keine Rentenzahlungen; zumeist fehlt die Absicherung für den Krankheitsfall. Die ländliche Bevölkerung machte 2008 etwa 55 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.
Während Ältere in Bauernfamilien der Küstenregionen gut leben können, müssen sich deren Kinder in westlichen Regionen als Wanderarbeiter durchschlagen, weit weg von den Eltern. Diese Bauern bleiben im Alter auf sich allein gestellt. Allseitige Bestrebungen von Versicherern und Privatinvestoren am Umbau und Aufbau der Versorgung zu profitieren, sind sichtbar.

Sich sozial nützlich machen statt ins Altersheim
Bereits Mitte der Neunzigerjahre war es gesellschaftlich akzeptabel geworden, Eltern in ein Altersheim zu schicken, oft verbunden mit Schuldgefühlen der Kinder. 1985 gab es 600 städtische Altersheime, in denen nur ein Bruchteil der alten Menschen untergebracht war. Statistiken zufolge reichte die Versorgung in Altersheimen im Jahr 2008 nur für 1,64 Prozent der Senioren aus. Tausend Rentner teilten sich 16 Betten. Neben Muster-Altersheimen, in denen Service eingekauft und bezahlt werden kann, existieren staatliche Altersheime, in denen wenige kinderlose alte Menschen untergebracht werden können. Chinesen mit Kindern werden abgewiesen. Es fehlt nicht nur an Altersheimen, sondern auch an entsprechendem Pflegepersonal. Bis 2015 ist in der Etablierung der Sozialarbeit geplant, die Anzahl der Sozialarbeiter auf zwei Millionen zu steigern.
Viele alte Chinesen wollen gar nicht in ein Heim. Warum sollte das in China anders sein als hierzulande. Sie wollen lieber bei ihren Kindern sein. In den Städten leben alte Menschen oft getrennt von ihren Kindern, aber in ihrer Nähe. Gerne versorgen sie Enkel und machen sich sozial nützlich. Andere Rüstige wollen ihre Wege gehen, verreisen, sich ihren Interessen widmen, wenn sie zu den Begüterten zählen.Viele müssen weiter arbeiten, kehren zurück in die alte Arbeitsstelle oder suchen einen Nebenerwerb. Der alte, allein gebliebene Bauer, der in der Stadt leere Dosen und Flaschen und Brauchbares im Weggeworfenen sucht, ist häufig zu finden.

Gesundheit und medizinische Versorgung
Chinesen halten sich für vergleichweise gesund. Am meisten beklagen sie den Bereich des Sehens, der Gelenkund Gliederschmerzen und danach die Rückenprobleme. Alte Menschen in Deutschland sind wesentlich sensibler in der Wahrnehmung ihrer Krankheiten. Bei ihnen stehen Gelenk- und Gliederschmerzen an erster Stelle, gefolgt von Sehproblemen und Rücken- und Kreislaufproblemen in häufigerer Nennung (vgl: Yan, Aiping S. 140). Auf dem Land sind alte Chinesen gesünder. Dafür ist die medizinische Versorgung in den Städten besser.
Wer schlecht sieht und kein Geld für eine Brille hat, kann auch eine Lupe nehmen. Wer schlecht laufen kann, bedient sich einer Krücke. Eine alte Chinesin wird von ihrem Sohn mit dem Fahrrad herumgeführt. Sie muss nicht allein zu Hause sitzen.
Ernährung ist mit der Traditionellen Chinesischen Medizin eng verflochten. Bestimmt zubereitete Nahrung wird wie Medizin zur Behandlung eingesetzt und dient der Gesunderhaltung. Beweglichkeit ist bei den Alten in China ein weiteres wichtiges Thema zur Erreichung der inneren Harmonie. Bereits morgens ganz früh finden sich in den Parks der Städte alte Menschen zusammen, um gemeinsam Tai-Chi, eine konzentriert langsame Gymnastik und Bewegung, zu vollziehen. Auch Rückwärtsgehen unterstützt die Beweglichkeit und das Denkvermögen. Im Park spielen sie Mayong oder Karten, erzählen, musizieren und tanzen. Bei erträglichem Wetter sind Parkanlagen ganz ohne Organisation von höherer Stelle Treffpunkt und Kontaktzentrale.

Anpassungs- und Problemelösefähigkeiten sind zentral
«Die Zukunft der Senioren in der Gesellschaft wird sehr von ihrer Anpassungsbereitschaft abhängen, ob sie sich in die neu entstehenden Familienstrukturen und sozialen Verhaltensmuster einfinden können oder ob sie ein riesiger, aber doch nicht zu vernachlässigender Fremdkörper im modernen China bleiben. Einsichten in die Problematik hat nicht zwangsläufig Resignation zur Folge, sondern kann vielmehr auch zu Initiative, Beweglichkeit und Aufbruchsstimmung führen. Das Potenzial für letztere Eigenschaften hat das chinesische Volk in den vergangenen Jahren zumindest auf wirtschaftlichem Gebiet bewiesen, und genau diese Eigenschaften sind es, die ein überalterndes China neben einer weisen Führung braucht.» (Hoffmann, S. 76/77).
Man könnte es auch so sehen: Während die Chinesen selbst im Kleinen ihre Probleme zu lösen versuchen – immer auf dem Hintergrund dessen, was schon immer ihren Lebensgewohnheiten entsprach –, bemüht sich die Regierung um Anpassung und Veränderung mit dem Aufbau eines Regelwerkes von oben. Wir dürfen gespannt sein, was entsteht, wenn die Zukunft und die Vergangenheit in China aufeinandertreffen. Denn wir selbst haben einige Probleme in der Altenfrage.

Dieser Artikel ist erschienen in NOVAcura, dem Schweizer Fachmagazin für Pflege und Betreuung 1/2012. Verlag Hans Huber, Bern

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